Es war wohl das Thema der letzten Woche. Ubuntu blendet ab der nächsten Version 12.10 standardmäßig in der Home – Lense passende Suchergebnisse des Online-Riesen Amazon ein.

Auf der Mailing-Liste verkündete Olli Ries (technischer Direktor bei Canonical) :
“Another addition is that we will be including Launcher web apps icons to Amazon and the Ubuntu One Music Store by default. We feel that these icons will provide convenient access to these resources for our users and also benefit the project with the generation of affiliate revenue in those cases that these resources are used. If our users choose to not
use these Launcher icons, they can be easily removed by the user by
dragging the icon to the trash.”
Der Aufschrei der weltweiten Gemeinschaft ließ nicht lange auf sich warten. Schnell nahmen die großen Blogs, wie z.B. OMG Ubuntu das Thema auf, ebenso gab es eine große Reihe an Kommentaren bei Reddit , im Ubuntuusers – Planeten und vielen weiteren Quellen.
Was sind nun die größten Kritikpunkte an einer fortschreitenden Kommerzialisierung, wie die meisten die Integration der Amazon-Suchergebnisse werten:
- kein Community-Wunsch, sondern vom SABDFL Mark Shuttlewort (wie man bei Jan Wildeboer lesen konnte) aufoktroyiert, um der Gewinnseite endlich näher zu kommen
- Ubuntu ist nun werbefinanziert
- Verletzung der Privatsphäre der Benutzer (Übertragung von lokalen Suchen an entfernte Server)
- Standardmäßig integriert, Benutzer werden nicht gefragt (bevorzugt Opt-in statt Opt-out, eventuell direkt bei der Installation)
Da sich das Thema sehr schnell verbreitete, hat sich wohl auch Shuttlewort genötigt gesehen, einige Sachen klar zu stellen. In einem kurzen Frage-Antwort Beitrag geht er auf die meisten der oberen Kritiken ein. Zunächst stellt er klar, dass Ubuntu keine Werbung ausliefert, sondern lediglich passende Suchergebnisse anzeigt. Er erklärt, dass in Zukunft weitere Dienste hinzukommen sollen, Amazon ist nur der erste Schritt. Die Daten werden auch nicht direkt an Amazon ausgeliefert sondern erst über eine API bei Ubuntu gesammelt und dann durchgereicht, was die Privatsphäre der Benutzer schützen soll. Ebenfalls rechtfertigt er im Beitrag und in den Kommentaren, dass die Home-Linse eben eine globale Suche sein soll, die lokale Ergebnisse und das Internet mit einbezieht. Wer nach Applikationen sucht, könne ja direkt Super + A bzw Super + F für Dateien wählen, um lokal zu bleiben. Shuttleworth gesteht durchaus ein, dass die Integration noch am Anfang ist und man sich weiter verbessern muss. Er vertritt aber den Standpunkt zunächst etwas vorzulegen, die Meinung der Benutzer einzuholen und dann zu schauen, welche Punkte es zu verbessern gilt. Positiv ist, dass er bekräftigt das der Benutzer diese Funktion selbst kontrollieren kann.
Soweit zum aktuellen Stand. Ich möchte die Probleme und Chancen aus meiner Sicht jedoch einmal wiedergeben.
Persönlich sehe ich keinen Grund, um wieder einmal den Aufstand zu proben, sobald man versucht mit Ubuntu oder jedem anderen freien Produkt Geld zu verdienen. Die Diskussion wird ständig geführt, viele sind sehr unzufrieden, wenn Sie befürchten, dass Ihr Einfluss schwindet, man nicht mehr auf die Community hört, obwohl man sehr stark von den Entwicklungen von Debian und viele Jahre zu Beginn profitiert hat. Dennoch muss man Canonical zu Gute halten, dass Sie eine bestimmte Vision für den Linux-Desktop besitzen, den sie auch strikt verfolgen (man denke nur an den Nummer 1 Bug). Sie führen Designstudien durch, beschäftigen viele Entwickler, stehen in engem Kontakt mit Hardwarepartnern und kommen mit neuen oder veränderten Konzepten, was man so vorher nicht kannte. Unity, HUD, Ubuntu for Android, Ubuntu für den TV, Ubuntu Web Apps. Man kann hier sicher vieles auch zu Recht kritisieren, aber Fakt bleibt wohl, dass Ubuntu die größten Nutzerschichten besitzt, um einen freien Linux-Desktop voranzubringen, privat und auch im Geschäftsumfeld.
Daher steht es Ihnen meiner Meinung nach auch zu, über einen einfachen Amazon – Link einen Teil der Kosten für Weiterentwicklung, Infrastruktur etc. einzuholen.
Die Durchführung selbst ist allerdings als zweifelhaft anzusehen, zumindest in der bisherigen Gestaltung. Ubuntu hat sich eine recht positive Marke verschafft, zumindest bei den meisten, als gute und stabile Distribution, der man vertrauen kann. Allein durch die Bedenken bei der Privatsphäre, könnte hier jedoch ein bleibender Schaden entstehen. Der Nutzer wird zuerst bevormundet und bekommt zunächst nicht mit, dass Ergebnisse an fremde Server übertragen werden, sobald er in Unity in der Standard-Home-Linse etwas sucht. Zumindest in Europa könnte dies bei Prinzipien des Datenschutzes für Kritik sorgen. Hier wäre definitiv ein Opt-in angebracht, der Benutzer sollte bei Installation oder nach Start des Desktops gefragt werden, ob er diese Funktion aktivieren möchte.
Was zudem Sorgen bereitet ist, dass man Plain-Text an die API sendet. Ein Beispielaufruf sieht z.B. folgendermaßen aus:
http://productsearch.ubuntu.com/v1/search?q=ubuntu.Man nutzt keine Verschlüsselung über TLS/SSL, ein hypothetischer Man in the Middle Angriff kann somit auch nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Im Jahr 2012 sollte man dies zwingend in der ersten Version der Auslieferung integriert haben. Wer einen Blick in den überschaubaren Quellcode bekommen möchte, sollte dies durchaus einmal tun, wie üblich bei Launchpad zu finden. Jeder etwas erfahrene Benutzer wird die Funktion mittels:
sudo apt-get remove unity-lens-shopping
einfach entfernen können, jedoch sollte man hier einen einfachen Menüeintrag zum aktivieren bieten. Mit diesen Maßnahmen würde man ernste Bemühungen zeigen, dass man die Bedenken ernst nimmt. Ebenso schnell haben sich auch einige bei Launchpad engagiert und sich über die mangelnde Sicherheit beklagt.
Ausblick
Es wird sicher auch weiterhin viel Kritik bei solchen Vorhaben geben, man braucht sich nur die Bedenken gegen Amazon als Konzern von Richard Stallman durchlesen. Die folgenden Worte mögen jetzt hart klingen, aber niemand ist gezwungen Ubuntu mit Unity als Distribution einzusetzen. Die Freiheit jede Desktopumgebung, jede Distribution zu nutzen, die man für richtig hält, macht für mich die Stärke mit freier Software aus. Jeder kann das wählen, womit er glücklich wird. Wer den Weg nicht richtig hält, darf auch explizit konstruktiv kritisieren, sollte aber akzeptieren, dass man wohl den eingeschlagenen Weg von Ubuntu nicht verändern wird, sondern lediglich an der Verbesserung mitarbeiten kann. Die Kommunikation seitens von Canonical und Shuttleworth, insbesondere mit dem jetzigen Blogbeitrag, ist allerdings verbesserungswürdig. Es wirkt zu sehr von oben herab, hier darf man auch nicht alle alten Benutzer verprellen, man ist auf diese ebenso angewiesen, wie auf kommerzielle Unterstützung.
Der Wandel im Desktop-Bereich schreitet schnell voran. Bisher muss man konstatieren, dass alle bisherigen Ergebnisse der anderen wie Red Hat zwar wirtschaftlich erfolgreich waren, allerdings vorwiegend im Server und Business-Umfeld. Der Desktop ist eine Nische geblieben, daher sollte man Canonical versuchen lassen, ihre Vision umzusetzen. Ob sie gelingt steht auf einem anderen Blatt. Die Zeit droht abzulaufen, der Bereich im mobilen Markt, wo Linux sehr erfolgreich mit Android ist, wird immer größer. Wir sehen mehr und mehr Ultrabooks, die relativ bescheiden von den Hardwareherstellern unterstützt werden. Der Wechsel vom klassischen Lizenzmodell zu App-Stores hat längst begonnen, Cloud-basierte Dienste dominieren mehr und mehr. Niemand kann hier seriöse Zeiten vorhersagen, aber es scheint recht sicher, dass wir vor großen Umbrüchen stehen, die den Linux-Desktop und freie Software in diesem Punkt bedrohen. Auf diese Fragen sehe ich nur bei Canonical mit Ubuntu eine mögliche Antwort mit neuen Wegen, selbst Microsoft wagt hier deutlich mehr mit Windows 8. Daher wirkt es vielleicht zunächst suspekt, aber sofern man auch in Zukunft moderne und nach wie vor freie Software haben möchte, sollte man nicht alles verteufeln, welches alte Modelle über Bord wirft oder einen kommerziellen Sponsor besitzt, sondern selbst aktiv mitwirkt. Entweder bei Ubuntu oder bei anderen Projekten wie Gnome 3, die auch viel Kritik mit ihrem neuen Weg bekamen.

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